Kinderschutz-ABC: V wie Verwahrlosung

© Kinderschutz-ABC / Bündnis Kinderschutz MV, Start GmbH
16.02.2012

Wöchentlich veröffentlicht der Spion einen Beitrag aus dem Kinderschutz-ABC. Heute: V wie Verwahrlosung.

Innere Armut

Madeleine ist kein einfaches MÀdchen. Die ZwölfjÀhrige schwÀnzt die Schule, zeigt fÌr nichts Interesse und isst Unmengen an SÌÞigkeiten. Sie ist intelligent, aber phlegmatisch, urteilen ihre Lehrer. Sie sagt Verabredungen immer in der letzten Minute ab und erfindet Ausreden, sagt eine Freundin. Ihre Mutter ist verzweifelt, weil Madeleine immer dicker wird. "Von dem Geld, das ich ihr fÌrs Mittagsessen gebe, kauft sie Unmengen von Schokolade", beschwert sich die engagierte GeschÀftsfrau.

Zu viele Geschenke und zu wenig Liebe

So wie Madeleine geht es auch anderen Kindern in Deutschland. Materiell gut versorgt, fehlt es ihnen zu Hause jedoch an emotionaler Zuwendung und Liebe. Wenn der Hund stirbt, erhalten sie keinen Trost von ihren Eltern und bleiben mit ihrer Trauer allein. Es gibt wenig gemeinsame Zeit, dafÌr umso mehr Geschenke (Zeit fÌr Kinder). KinderschÌtzer kennen das PhÀnomen und nennen es Wohlstandsverwahrlosung. Eine mögliche Folge ist, dass sich die Persönlich-
keitsentwicklung der betroffenen Kinder und Jugendlichen verzögert. Dies zeigt sich zum Beispiel in erhöhter AggressivitÀt, vermindertem MitgefÌhl und BindungsunfÀhigkeit. Manche werden straffÀllig. Ärzte sehen auch das schwere Übergewicht vieler MinderjÀhrigen als eine direkte Folge von mangelnder Zuwendung.

Ähnliche Folgen, doch andere Ursachen hat eine Erziehung, bei der Kinder keine Grenzen bezÌglich materieller Dinge kennen lernen. Die Eltern können ihren Kindern nichts abschlagen, weder das dritte Eis an diesem Tag, noch das neue Fahrrad oder das stundenlange Fernsehen. HÀufig stumpfen die Kinder gegenÌber dem Besonderen ab und entwickeln realitÀtsferne Vorstellungen, im Leben alles und sofort bekommen zu können.

Schmutz, Dreck und Hunger

Innere Armut ist eine Folge von Verwahrlosung. Und oft geht sie mit ÀuÞerer Armut Hand in Hand. Unter Verwahrlosung in Folge von Armut leidet in Deutschland eine wachsende Zahl von Kindern. Etwa 80.000 Kinder sind nach SchÀtzungen des Bielefelder Sozialwissenschaftlers Professor Klaus Hurrelmann deutschlandweit betroffen. Die Fotos, auf denen Kinder in halbdunklen RÀumen sitzen, umgeben von Essensresten, rÀudigen Haustieren, leeren Flaschen und Abfall, bilden dabei nur die Spitze dieses Eisberges ab. Oft kommen zu den Geldsorgen der Eltern Alkoholprobleme, Gewalt und Hoffnungslosigkeit hinzu. Den Kindern fehlt es dann neben emotionaler Zuwendung und Ansprache auch an dem materiell Notwendigen: angemessene Kleidung, Hefte und Stifte fÌr die Schule, regelmÀÞige Mahlzeiten. HÀufige Folgen: Die Kinder können nicht richtig sprechen, sind fehlernÀhrt, körperlich ungepflegt und hÀufig krank. Einige sind extrem aggressiv und kriminell auffÀllig, andere völlig distanzlos oder verÀngstigt (Folgen von KindeswohlgefÀhrdung).

Verwahrlosung bedeutet nicht immer Schmutz, Dreck und Hunger. Es gibt eben auch die Verwahrlosung, die auf den ersten Blick ins gepflegte Reihenhaus nicht auffÀllt. Beim genauen Hinsehen sind die Folgen von Verwahrlosung jedoch sowohl in dem einen als auch in dem anderen Fall sichtbar (Erkennen von KindeswohlgefÀhrdung). Darin liegt die Chance, betroffenen Kindern und deren Eltern frÌhzeitig zu helfen.

Info

Weitere Informationen finden sich im Leitfaden Techniker Krankenkasse, Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern "Gewalt gegen Kinder" auf www.bÃŒndnis-kinderschutz-mv.de.

Anonyme und unverbindliche Informationen zu Essstörungen gibt es im Internet auf www.hungrig-online.de.

(nm) / Kinderschutz-ABC / BÃŒndnis Kinderschutz MV, Start GmbH
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