2000 Nackte im Stadion
City- & Szenenews
13.05.2008
Was macht man am Sonntagnachmittag im Fußballstadion? Ausziehen! Der Spion weiß mehr ...
Wien, Ernst-Happel-Stadion, 11. Mai 2008: Insgesamt 1840 Menschen sind angereist, um noch vor der offiziellen Übergabe des neuen Stadions zur EM einmal drin zu sein. Das Seltsame: Sie sind alle nackt.
Wie sehr oft, wenn uns etwas seltsam vorkommt, ist es Kunst. Woran erkennt man das? Nicht unbedingt daran, dass die Menschen nichts anhaben - das ist am FKK-Strand oder in der Sauna genauso. Kunst erkennt man möglicherweise daran, dass ein Künstler das Ganze veranlasst hat. Das ist auch hier der Fall. Der Betreffende heißt Spencer Tunick, und er hat Erfahrungen mit Nackten.
Okay, die haben vermutlich die meisten. Aber er hat Erfahrung mit mehr Nackten auf einmal als die meisten Menschen. Seinen persönlichen Rekord stellte Tunick 2007 in Mexico City auf: 20.000 Menschen waren dort zusammengekommen, um hüllenlos zu posieren.
Nicht einfach nur nackt: Soziale Plastik
Ist es die schiere Masse, die aus der Ansammlung von nackten Menschen mehr macht? Für manche vielleicht. Für andere ist es erst dann Kunst, wenn das Ganze auch mit Arbeit verbunden ist. Und das war es auch hier: Die knapp 2000 Menschen, die sich freiwillig an der Kunstaktion beteiligten, waren nicht zum Ausruhen da. Über mehrere Stunden mussten sie auf Anweisung von Tunick verschiedene Posen einnehmen, in denen er sie fotografierte.
Tunick will nach eigenen Angaben mit der Nacktheit nicht Sexualität in den Vordergrund rücken, sondern traditionelle Vorstellungen von Intimität, Nacktheit und Privatsphäre in Frage stellen. Er nennt seine Masseninstallationen nackter Körper "soziale Plastiken" - ein Begriff, der auf Joseph Beuys zurückgeht und besagt, jeder Mensch könne durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch formend auf die Gesellschaft einwirken. Dass das schon mal nicht überall geht, zeigt Tunicks Aussage: "In den U.S.A. käme ich vermutlich ins Gefängnis" Zwar hat er auch in den Vereinigten Staaten schon Aktionen mit Nackten durchgeführt, aber ein Stadion-Projekt wie dieses wäre ihm zufolge dort nicht möglich gewesen.
Dabei sein ist alles
"Jeder Mensch ist ein Künstler", lautet die viel zitierte Formel von Joseph Beuys. Nicht jeder wird freilich wie ein Künstler entlohnt. Für die Teilnahme an den Großprojekten von Tunick gibt es keine Gage, dafür erhalten die Teilnehmer wie stets bei Tunicks Aktionen einen signierten Abzug der Aufnahmen. Vielleicht ein schönes Andenken ("Guck mal, hier in der dreizehnten Reihe, da bin ich!"), vielleicht aber auch mal viel wert.
Auch scheint es, als sollten hier die Teilnehmer nicht selbst Künstler sein, sondern lediglich Objekte und Materialien der Kunst. Darauf deutet nicht nur der Umstand, dass dort einer in voller Montur und mit Megafon steht, um Anweisungen zu geben und selbst schön hinter dem Objektiv zu bleiben. Mindestens ebenso bezeichnend ist jene Seite auf der Homepage des Künstler, auf der man sich für die Teilnahme an seinen Projekten eintragen kann: Hier soll man auch den Farbton seiner Haut angeben. Der Einzelne ist bloß ein Pigment in des Künstlers Palette. Oder eine Markteing-Zahl: Eigentlich hatte Tunick auf 2008 Teilnehmer gehofft, da die Installation in Zusammenhang mit der EM 2008 steht.
Gelungenes Marketing
Nacktheit ist hier einmal mehr ein Verkaufsargument. Das kann zwar ganz hübsch sein, aber über die Darstellung und Produktion von schönen Objekten war Kunst eigentlich schon längst hinaus. Aber was soll's, es funktioniert - die zahlreichen Artikel in Spiegel Online, Stern und Co bestätigen es. Jetzt wissen auch die Kulturdeppen, dass EM ist!
Die Fotos der Wiener Aktion sind ab 23. Juni in der Kunsthalle Wien "public space karlsplatz" zu sehen:
"Spencer Tunick. The Beautiful Game"
(ur)
Was macht man am Sonntagnachmittag im Fußballstadion? Ausziehen! Der Spion weiß mehr ...
Wien, Ernst-Happel-Stadion, 11. Mai 2008: Insgesamt 1840 Menschen sind angereist, um noch vor der offiziellen Übergabe des neuen Stadions zur EM einmal drin zu sein. Das Seltsame: Sie sind alle nackt.
Wie sehr oft, wenn uns etwas seltsam vorkommt, ist es Kunst. Woran erkennt man das? Nicht unbedingt daran, dass die Menschen nichts anhaben - das ist am FKK-Strand oder in der Sauna genauso. Kunst erkennt man möglicherweise daran, dass ein Künstler das Ganze veranlasst hat. Das ist auch hier der Fall. Der Betreffende heißt Spencer Tunick, und er hat Erfahrungen mit Nackten.
Okay, die haben vermutlich die meisten. Aber er hat Erfahrung mit mehr Nackten auf einmal als die meisten Menschen. Seinen persönlichen Rekord stellte Tunick 2007 in Mexico City auf: 20.000 Menschen waren dort zusammengekommen, um hüllenlos zu posieren.
Nicht einfach nur nackt: Soziale Plastik
Ist es die schiere Masse, die aus der Ansammlung von nackten Menschen mehr macht? Für manche vielleicht. Für andere ist es erst dann Kunst, wenn das Ganze auch mit Arbeit verbunden ist. Und das war es auch hier: Die knapp 2000 Menschen, die sich freiwillig an der Kunstaktion beteiligten, waren nicht zum Ausruhen da. Über mehrere Stunden mussten sie auf Anweisung von Tunick verschiedene Posen einnehmen, in denen er sie fotografierte.
Tunick will nach eigenen Angaben mit der Nacktheit nicht Sexualität in den Vordergrund rücken, sondern traditionelle Vorstellungen von Intimität, Nacktheit und Privatsphäre in Frage stellen. Er nennt seine Masseninstallationen nackter Körper "soziale Plastiken" - ein Begriff, der auf Joseph Beuys zurückgeht und besagt, jeder Mensch könne durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch formend auf die Gesellschaft einwirken. Dass das schon mal nicht überall geht, zeigt Tunicks Aussage: "In den U.S.A. käme ich vermutlich ins Gefängnis" Zwar hat er auch in den Vereinigten Staaten schon Aktionen mit Nackten durchgeführt, aber ein Stadion-Projekt wie dieses wäre ihm zufolge dort nicht möglich gewesen.
Dabei sein ist alles
"Jeder Mensch ist ein Künstler", lautet die viel zitierte Formel von Joseph Beuys. Nicht jeder wird freilich wie ein Künstler entlohnt. Für die Teilnahme an den Großprojekten von Tunick gibt es keine Gage, dafür erhalten die Teilnehmer wie stets bei Tunicks Aktionen einen signierten Abzug der Aufnahmen. Vielleicht ein schönes Andenken ("Guck mal, hier in der dreizehnten Reihe, da bin ich!"), vielleicht aber auch mal viel wert.
Auch scheint es, als sollten hier die Teilnehmer nicht selbst Künstler sein, sondern lediglich Objekte und Materialien der Kunst. Darauf deutet nicht nur der Umstand, dass dort einer in voller Montur und mit Megafon steht, um Anweisungen zu geben und selbst schön hinter dem Objektiv zu bleiben. Mindestens ebenso bezeichnend ist jene Seite auf der Homepage des Künstler, auf der man sich für die Teilnahme an seinen Projekten eintragen kann: Hier soll man auch den Farbton seiner Haut angeben. Der Einzelne ist bloß ein Pigment in des Künstlers Palette. Oder eine Markteing-Zahl: Eigentlich hatte Tunick auf 2008 Teilnehmer gehofft, da die Installation in Zusammenhang mit der EM 2008 steht.
Gelungenes Marketing
Nacktheit ist hier einmal mehr ein Verkaufsargument. Das kann zwar ganz hübsch sein, aber über die Darstellung und Produktion von schönen Objekten war Kunst eigentlich schon längst hinaus. Aber was soll's, es funktioniert - die zahlreichen Artikel in Spiegel Online, Stern und Co bestätigen es. Jetzt wissen auch die Kulturdeppen, dass EM ist!
Die Fotos der Wiener Aktion sind ab 23. Juni in der Kunsthalle Wien "public space karlsplatz" zu sehen:
"Spencer Tunick. The Beautiful Game"
(ur)
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