Der Spion Buchtipp - Jonathan Safran Foer: "Extrem laut und unglaublich nah"
Bücher
Jonathan Safran Foer: "Extrem laut und unglaublich nah"
11.06.2007
Eine sagenhafte Bilderflut erfasst einen, bevor man auch nur das erste Wort von Foers zweiten Roman gelesen hat. Rätselhafte Fotos von Händen und Hinterköpfen, von Tieren (einem Vogelschwarm, einem weit aufgerissenen Elefantenauge, einer Katze im Sprung), Fenstern (samt Haus oder ohne) und immer wieder von Schlüsseln und Schlössern durchziehen das gesamte Buch. Aus den Fotos der letzten 30 Seiten setzt sich zudem ein Daumenkino zusammen, welches den Sturz einer Person aus dem World Trade Center zeigt. Mysteriös vor allem deshalb, weil die abgebildete Person nur dann in die Tiefe stürzt, wenn man vom Buchrücken aus, also entgegen der Leserichtung, blättert – in Leserichtung wird das Fallen mittels Daumenkino quasi zurückgespult. Neben diesen und weiteren geheimnisvollen Abbildungen ist es Foers originelle Textgestaltung, die sofort ins Auge fällt: Knallbunt bedruckte, scheinbar handgeschriebene Seiten; rot unterstrichene Textpassagen, die aussehen, als hätte sie jemand korrigiert; immer wieder leere oder nur mit einem einzigen Satz bedruckte Seiten und ein Textabschnitt, in dem die Druckschrift immer enger wird und schließlich in ein unlesbares, seitenlanges Wirrwarr mündet. Angesichts dieser Gestaltungsgewalt tut man gut daran, sich auf ein komplexes, postmodernes Gesamtkunstwerk einzustellen.
Und tatsächlich: Wie schon in „Alles ist erleuchtet“ (2003), dem sehr erfolgreichen Debütroman des jungen Amerikaners, sind auch in „Extrem laut und unglaublich nah“ sowohl Handlung als auch Erzählweise außergewöhnlich und vielschichtig. Zum einen erzählt der Roman die Geschichte des erst neunjährigen Oskar Schells, der seinen Vater Thomas bei den Anschlägen des 11. Septembers auf das World Trade Center verloren hat. Oskar ist ein außergewöhnlich intelligenter, aber ebenso merkwürdiger, zuweilen altkluger Junge, der sich per Visitenkarte als ‚Pazifist, Erfinder, Schmuckdesigner und Tamburinspieler’ ausweist. Dies alles möchte er sein, vor allem aber ist er eines: weit davon entfernt, den Tod seines innig geliebten Vaters auch nur annähernd zu verarbeiten. Mit ihm zusammen hatte Oskar die Welt auf besondere Weise entdeckt - mittels vieler Rätselaufgaben hatte Thomas seinen Sohn liebevoll-spielerisch zu Wissbegierde, Neugier und Einfallsreichtum angehalten. Daher geht Oskar von einem letzten Rätsel seines Vaters aus, als er eines Tages zu Hause einen Schlüssel in einem mit „Black“ beschrifteten Umschlag findet. Weil er dieses vermeintliche Rätsel um jeden Preis lösen will, begibt er sich auf die Suche nach dem passenden Schlüsselloch, bereit, jeden einzelnen New Yorker Haushalt mit dem Nachnamen „Black“ aufzusuchen. (Nicht nur mit dieser Erkundungstour durch die Stadt New York sind Parallelen zu Salingers „Fänger im Roggen“ erkennbar – auch die Tatsache, dass Oskars Erfindungen zumeist solche sind, die den Menschen viel Leid ersparen könnten, machen die Anlehnung an die Figur Holden Caulfield deutlich. Dass der Charakter außerdem auf Günter Grass’ „Blechtrommel“ anspielt, ist unter anderem wegen des Namen des Jungen offensichtlich.) Geschildert wird dieser erste Handlungsstrang überwiegend von Oskar als Ich-Erzähler.
Die Parallelhandlung dreht sich um das Schicksal Oskars Großvaters, der, aus Deutschland stammend, seine schwangere Frau bei den Bombenangriffen auf Dresden 1945 verloren hat. Durch die Schrecken des Krieges traumatisiert, kommt ihm nach und nach seine Sprache abhanden; schließlich verstummt er völlig und vermag sich nur noch schriftlich auszudrücken. Bemüht, zur Normalität zurückzukehren, heiratet er nach dem Krieg die Schwester der Verstorbenen (nämlich Oskars Großmutter) und wandert mit ihr in die Vereinigten Staaten aus. Noch vor der Geburt seines Sohnes Thomas kehrt er jedoch wieder zurück. Zahlreiche (imaginäre) Briefe des Großvaters an seinen Sohn Thomas, die mit „Warum ich nicht bei Dir bin“ überschrieben sind, sowie der wehmütige Bericht der Großmutter erzählen rückblickend, wie der Versuch, ein normales Leben zu führen, scheitert. Mit dem Wunsch eines erneuten Versuches kehrt der Großvater jedoch abermals nach New York zurück und sucht die Wohnung seiner Frau auf. Oskar lernt seinen Opa endlich kennen, zunächst allerdings als „Untermieter“ seiner Großmutter.
Vielleicht hätte Jonathan Safran Foer in diesem Roman mehr auf die Devise „Weniger ist mehr“ vertrauen sollen. Sicherlich hätte es nicht unbedingt Not getan, neben dem zweiten Weltkrieg an sich und dem 11. September auch noch eine erschütternde Textpassage über Hiroshima einzuflechten. Gewiss wirkt auch jener Zufall, dass der Großvater ausgerechnet am Todestag seines Sohnes in die Vereinigten Staaten zurückkehrt, auffällig konstruiert. Dennoch ist „Extrem laut und unglaublich nah“ eine großartige, gefühlvolle Geschichte, die mit ihrer Sprache und Gestaltung jeden zu berühren vermag, der das nötige Bisschen Kitschresistenz aufbringen kann.
Die Sprachlosigkeit des Großvaters (im Buch mittels fast leerer Seiten dargestellt); die Tatsache, dass er sich deshalb „Ja“ auf die eine, „Nein“ auf die andere Hand tätowieren lässt, ist bedrückend. Herzzerreißend ist Oskars Trauer um seinen Vater, die Erwähnung, dass er sich selbst blaue Flecken zufügt. Ergreifend die Tatsache, dass er immer und immer wieder die letzten Worte seines Vaters auf dem Anrufbeantworter anhört. Ein bewegender, lesenswerter Roman, der seit Mai auch als Taschenbuch erhältlich ist.
Jonathan Safran Foer „Extrem laut und unglaublich nah“. Roman. (Fischer (Tb.) 2007)
Eine sagenhafte Bilderflut erfasst einen, bevor man auch nur das erste Wort von Foers zweiten Roman gelesen hat. Rätselhafte Fotos von Händen und Hinterköpfen, von Tieren (einem Vogelschwarm, einem weit aufgerissenen Elefantenauge, einer Katze im Sprung), Fenstern (samt Haus oder ohne) und immer wieder von Schlüsseln und Schlössern durchziehen das gesamte Buch. Aus den Fotos der letzten 30 Seiten setzt sich zudem ein Daumenkino zusammen, welches den Sturz einer Person aus dem World Trade Center zeigt. Mysteriös vor allem deshalb, weil die abgebildete Person nur dann in die Tiefe stürzt, wenn man vom Buchrücken aus, also entgegen der Leserichtung, blättert – in Leserichtung wird das Fallen mittels Daumenkino quasi zurückgespult. Neben diesen und weiteren geheimnisvollen Abbildungen ist es Foers originelle Textgestaltung, die sofort ins Auge fällt: Knallbunt bedruckte, scheinbar handgeschriebene Seiten; rot unterstrichene Textpassagen, die aussehen, als hätte sie jemand korrigiert; immer wieder leere oder nur mit einem einzigen Satz bedruckte Seiten und ein Textabschnitt, in dem die Druckschrift immer enger wird und schließlich in ein unlesbares, seitenlanges Wirrwarr mündet. Angesichts dieser Gestaltungsgewalt tut man gut daran, sich auf ein komplexes, postmodernes Gesamtkunstwerk einzustellen.
Und tatsächlich: Wie schon in „Alles ist erleuchtet“ (2003), dem sehr erfolgreichen Debütroman des jungen Amerikaners, sind auch in „Extrem laut und unglaublich nah“ sowohl Handlung als auch Erzählweise außergewöhnlich und vielschichtig. Zum einen erzählt der Roman die Geschichte des erst neunjährigen Oskar Schells, der seinen Vater Thomas bei den Anschlägen des 11. Septembers auf das World Trade Center verloren hat. Oskar ist ein außergewöhnlich intelligenter, aber ebenso merkwürdiger, zuweilen altkluger Junge, der sich per Visitenkarte als ‚Pazifist, Erfinder, Schmuckdesigner und Tamburinspieler’ ausweist. Dies alles möchte er sein, vor allem aber ist er eines: weit davon entfernt, den Tod seines innig geliebten Vaters auch nur annähernd zu verarbeiten. Mit ihm zusammen hatte Oskar die Welt auf besondere Weise entdeckt - mittels vieler Rätselaufgaben hatte Thomas seinen Sohn liebevoll-spielerisch zu Wissbegierde, Neugier und Einfallsreichtum angehalten. Daher geht Oskar von einem letzten Rätsel seines Vaters aus, als er eines Tages zu Hause einen Schlüssel in einem mit „Black“ beschrifteten Umschlag findet. Weil er dieses vermeintliche Rätsel um jeden Preis lösen will, begibt er sich auf die Suche nach dem passenden Schlüsselloch, bereit, jeden einzelnen New Yorker Haushalt mit dem Nachnamen „Black“ aufzusuchen. (Nicht nur mit dieser Erkundungstour durch die Stadt New York sind Parallelen zu Salingers „Fänger im Roggen“ erkennbar – auch die Tatsache, dass Oskars Erfindungen zumeist solche sind, die den Menschen viel Leid ersparen könnten, machen die Anlehnung an die Figur Holden Caulfield deutlich. Dass der Charakter außerdem auf Günter Grass’ „Blechtrommel“ anspielt, ist unter anderem wegen des Namen des Jungen offensichtlich.) Geschildert wird dieser erste Handlungsstrang überwiegend von Oskar als Ich-Erzähler.
Die Parallelhandlung dreht sich um das Schicksal Oskars Großvaters, der, aus Deutschland stammend, seine schwangere Frau bei den Bombenangriffen auf Dresden 1945 verloren hat. Durch die Schrecken des Krieges traumatisiert, kommt ihm nach und nach seine Sprache abhanden; schließlich verstummt er völlig und vermag sich nur noch schriftlich auszudrücken. Bemüht, zur Normalität zurückzukehren, heiratet er nach dem Krieg die Schwester der Verstorbenen (nämlich Oskars Großmutter) und wandert mit ihr in die Vereinigten Staaten aus. Noch vor der Geburt seines Sohnes Thomas kehrt er jedoch wieder zurück. Zahlreiche (imaginäre) Briefe des Großvaters an seinen Sohn Thomas, die mit „Warum ich nicht bei Dir bin“ überschrieben sind, sowie der wehmütige Bericht der Großmutter erzählen rückblickend, wie der Versuch, ein normales Leben zu führen, scheitert. Mit dem Wunsch eines erneuten Versuches kehrt der Großvater jedoch abermals nach New York zurück und sucht die Wohnung seiner Frau auf. Oskar lernt seinen Opa endlich kennen, zunächst allerdings als „Untermieter“ seiner Großmutter.
Vielleicht hätte Jonathan Safran Foer in diesem Roman mehr auf die Devise „Weniger ist mehr“ vertrauen sollen. Sicherlich hätte es nicht unbedingt Not getan, neben dem zweiten Weltkrieg an sich und dem 11. September auch noch eine erschütternde Textpassage über Hiroshima einzuflechten. Gewiss wirkt auch jener Zufall, dass der Großvater ausgerechnet am Todestag seines Sohnes in die Vereinigten Staaten zurückkehrt, auffällig konstruiert. Dennoch ist „Extrem laut und unglaublich nah“ eine großartige, gefühlvolle Geschichte, die mit ihrer Sprache und Gestaltung jeden zu berühren vermag, der das nötige Bisschen Kitschresistenz aufbringen kann.
Die Sprachlosigkeit des Großvaters (im Buch mittels fast leerer Seiten dargestellt); die Tatsache, dass er sich deshalb „Ja“ auf die eine, „Nein“ auf die andere Hand tätowieren lässt, ist bedrückend. Herzzerreißend ist Oskars Trauer um seinen Vater, die Erwähnung, dass er sich selbst blaue Flecken zufügt. Ergreifend die Tatsache, dass er immer und immer wieder die letzten Worte seines Vaters auf dem Anrufbeantworter anhört. Ein bewegender, lesenswerter Roman, der seit Mai auch als Taschenbuch erhältlich ist.
Jonathan Safran Foer „Extrem laut und unglaublich nah“. Roman. (Fischer (Tb.) 2007)
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